Zorn und Zärtlichkeit

von Matthias Raftl

Der Maler Andreas Hutter, ein „Alter Wilder“
Warum Andreas Hutter ausgerechnet mich, einen bürgerlichen
Konservativen, gefragt hat, die Eröffnungsrede der heutigen
Ausstellung zu halten, entzieht sich meiner genaueren Kenntnis.
Wohl aus alter Freundschaft und Vertrautheit und weil er noch an
das Wilde vergangener Tage in meinem Herzen zu glauben scheint.


Zorn und Zärtlichkeit. Die Triebfedern eines „Alten Wilden“, die
Triebfedern des Malers Andreas Hutter, Jahrgang 1968.
Er selbst nennt das: „Die Suche nach dem Unberührten“, die Suche
nach dem Moment, in dem die menschliche Natur noch nicht von
Erwartungen, Moral oder gesellschaftlichen Masken verformt ist.
Zorn und Zärtlichkeit. Die Wildheit im Alten Wilden bedeutet bei
Hutter auch klar Anti-Establishment. Der Maler Andreas Hutter ist
gefährlich. Gefährlich für die anderen, aber auch gefährlich für sich
selbst.


Ciao, Konvention. Ciao, Sicherheitsnetz. Hutter segelt ungesichert
und er hat auch kein eigentliches Ziel.
Zorn. 1980. Es war einmal ein süßer Junge. Ganz süß. Da kommen
sie auf die Jungen, die Neuen Wilden der Malerei in Österreich und
Deutschland, die die Szene gerockt haben.
Doch DER MALER Andreas Hutter, der war da noch gar nicht
geboren, der war noch komplett verschüttet, in dem jungen Wilden,
für den die GERAHMTE Leinwand wohl zu statisch, zu old
fashioned, zu sehr „Erbe“ war.
Stichwort Erbe. Wer es nicht weiß. Der Maler Andreas Hutter ist
nicht nur der Sohn des „phantastischen Realisten“ Wolfgang Hutter,
sondern auch der Enkel von Albert Paris Gütersloh, Maler,
Schriftsteller, Begründer des „Phantastischen Realismus“ und der
Lehrer von Brauer, Fuchs, Hundertwasser und auch von Wolfgang
Hutter an der Akademie der Bildenden Künste. Ein Szeneguru in
seiner Zeit. Sein eigener Lehrer war Gustav Klimt, Schiele hat ihn
gemalt, Heimito von Doderer war sein Freund.
Den leiblichen Sohn Wolfgang Hutter, seinen Schüler an der
Akademie, hat er erst in seinem Testament 1973 als Sohn
anerkannt. Wolfgang wuchs als Sohn des Arztes Karl Hutter auf, die
Mutter Milena Hutter, war die Geliebte von Gütersloh.
Zorn. Auch der Zorn ist irgendwie Erbe und vererbt. Zärtlichkeit.


Schaut euch die Kinderfotos des jungen Wilden Andreas Hutter aus
den 80ern an, ein Leuchten von Albert Paris, unverkennbar. Fast
wie ein Ebenbild der Totenbüste des Großvaters auf dem Ehrengrab
am Zentralfriedhof.
Die gerahmte Leinwand zu statisch, zu belastet für den jungen
Wilden Andreas Hutter. Daher bewegtes Bild. Film.
Schmeißt die Schule hin. Wegen Altgriechisch. Geht cool nach LA.
American Film Institute. Wird Kameramann. Schließlich ist er nicht
nur der Sohn des Malers Wolfgang Hutter, sondern auch der
Kostümbildnerin Birgit Hutter, die auch für den Film arbeitet,
dekoriert mit dem Filmband in Gold für die Ausstattung für „Das
weite Land“ mit Michel Piccoli,1988.
Die Karriere nimmt schnell Fahrt auf. Gut vernetzt, feiert der junge
wilde Kameramann Hutter große Erfolge bei Werbung, Spielfilm,
Music Videos. Der Rubel rollt auch bald. Schließlich die Höhepunkte
im Spielfilm: Kamera bei „Yu“ von Franz Novotny 2003 und „Snow
White“ von Samir Jamar Aldin 2005 sowie im Dokumentarfilm „Udo
Proksch – Out of Control“ von Robert Dornhelm 2010.
Aber was wäre ein ECHTER Wilder, wenn er sich etablieren würde.
Zorn und Zärtlichkeit. Anti-Establishment, Gefahr und Gefährdung
bedeuten bei Hutter auch bereit zu sein, alles hinzuschmeißen. Bei
allem Liebenswerten auch Rücksichtslosigkeit, Schroffheit und
letztlich: Alles auf ein Karte setzen. Emotion pur. Zärtlichkeit.
Eigentlich ist der Maler Andreas Hutter ein schüchterner
Zeitgenosse, wie so viele Künstlernaturen. Die Last des Erbes. Er
stößt auch die vor den Kopf, die ihn lieben.
Grace Jones singt „Slave to the Rhythm”. Bei Andreas Hutter
muss das wohl „Slave to the Woman” heißen, im selben Rhythmus
wie bei Grace. Auch sowas wie ein Erbe, dem man ausgeliefert ist.
Und zeigt sich auch in den Werken des Malers Andreas Hutter. Wie
sagt Fuck-you-Goethe: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ Bei
Andres Hutter war das immer Fluch und Segen zugleich.
Die Hinwendung zur Malerei ist bei Andreas Hutter auch
Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung. Der Spross von
Malergranden findet im Angesicht eines übermächtigen Erbes
seinen Weg.
Die jungen Wilden Maler aus den 1980ern kamen vielfach aus der
Provinz und der eine oder andere hat, wie ich weiß, schüchtern
danach gefragt, wie man es denn überhaupt anstellt, ein Maler zu
werden.
Der Maler Andreas Hutter kommt aus dem Nukleus, die arrogante
Überheblichkeit finsterer Momente schmeißt er jedoch leicht über
Bord und wird ganz er selbst, indem er zum Pinsel greift. Das gilt es
anzuerkennen und das verdient Respekt.
Der Maler Andreas Hutter, ein gefährdeter Gefährder, der uns
feierlich präsentiert, was er bereit ist, hinzuschmeißen. Jederzeit. Mit
einem Pinselstrich.
Wie schreibt Manfred Klimek in der Welt am Sonntag über Andreas
Hutter: „Smarte Bilder eines smarten Künstlers, der verschiedene
Stile zu einem neuen Bild der neuen Bilder vermischt, die – nicht
ohne Anarchie, wie Kunst diese braucht – eine überraschend neue
Ausdrucksrealität auf die ANDERE Leinwand bringen, die Hutters
Leben zeichnet.“
Und ich sage abschließend: Der Maler Andreas Hutter ist
Rockkultur, der die Bilderflut in seinem Kopf schließlich doch zu
Gemälden gemacht hat. Das ist ein Weg, der noch lang nicht
abgeschlossen ist. Er lebt. Und malt. Und das ist gut so.

Selfie #1 25×30 Acryl on Canvas 2025
The Elephant Rock 60×40 Acryl on Paper 2025
High Five Cats 60×40 Acryl on Paper 2024
Porto Pollo 40×50 Aquarell on Paper 2024